Anwalt mit eingebautem Freispruch
Sonderlich glücklich war Gardner mit den Hörspielen nie. Er fühlte seinen Perry entglitschen. Um über eine geplante Fernsehserie größere Kontrolle zu behalten, gründete er deshalb selbst Paisano Productions.
Die Produktion einer Einzelfolge dauerte zwischen 9 und 11 Tagen. Produktionskosten: Gut 100.000 Dollar. Ende der 1950er eine Menge Cash.
Nur für die ersten drei Staffeln wurden 95 Folgen hergestellt, jede knapp 50 Minuten lang. Schon bevor die Serie an den Start ging, war bereits ein gutes Dutzend Episoden auf Halde. Als CBS ihm einen 500.000-Dollar-Kontrakt anbot, dazu die Hälfte aller Einnahmen plus vollständige kreative Freiheit, hatte Gardner, was er wollte.
Die Art der Produktion ähnelte der eines B-Pictures, eines Kinofilms mit begrenztem Etat. In erster Linie wurde im Studio gearbeitet, auf dem Gelände der Twentieth Century Fox. Man hat das Licht im Griff, muss nicht auf Störgeräusche achten, keine Neugierigen verscheuchen.
So ist der Blick auf LA aus Perrys Büro lebendig wie eine Fototapete. Selbst bei vielen „Außenaufnahmen“ werfen Personen gleich mehrere Schatten, was bei der erforderlichen Anzahl von Scheinwerfern unvermeidbar ist. Die Schöne der Woche bekommt ihren Beautyshot samt Weichzeichner, sehr gut zu sehen bei den Nahaufnahmen von Andra Martin in Der Fall mit dem schiefen Stammbaum (The Case of the Prodigal Parent).
Die Establishing Shots, Stadtszenen oder Landschaftsaufnahmen, die einem Ortswechsel vorausgehen, sind Archivaufnahmen. Sie wurden in und um Los Angeles aufgenommen. Wiederholt zu sehen: Die Hall of Justice – logisch. Das Brent Building dient als Außentotale für Perrys Büro, im echten Leben war es damals ein Gebäude der Bank von Kalifornien.
Als Regisseure engagierte Paisano alte TV-Haudegen wie Arthur Hiller, Christian Nyby oder Andrew V. McLaglen, der alleine 116 Folgen der Westernserie Have Gun – Will Travel durchgezogen hatte. Ziel war ja nicht große Filmkunst, sondern das Einhalten von Drehplänen und des Budgets. In einem Interview mit Senses of Cinema vom Februar 2009 sagt McLaglen: „Fürs Fernsehen arbeiten, heißt schlicht: Entweder du kriegst das nach Plan hin oder sie suchen sich einen anderen.“
So bietet Perry Mason natürlich keine visuellen Experimente. Der überraschendste Moment ist noch der, wenn plötzlich eine Hand im Bild erscheint, die der Close-Up-Person Feuer gibt.
Überhaupt wird ordentlich was weggeraucht, unsere Freunde dauerqualmen Zigaretten, der dicke Böse zersabbert eine Zigarre, der Intrigant schmaucht Pfeife. Dabei wurde erst bei der kommenden Season 1958/59 ein Zigarettenhersteller Sponsor.
Perry Mason überlässt nichts dem Zufall. Und schon mal gar nicht den Ermittlungsbehörden. Er mischt sich ein, ist bei der Wahl seiner Mitteln nicht kleinlich. Durchtrieben versteckt er in einer Zigarettenpackung einen Magneten, um das belastende Tonband eines Erpressers zu löschen (Der Fall mit dem hässlichen Entlein – The Case of the Green-Eyed Sister).
