Ein Fall für Schnüffelnasen

Sicher ist: Bestseller waren Bindings Bücher bisher keineswegs. Und manche Titel findet man beim Internetbuchhändler amazon.com auch schon mal im Angebot für knappe 25 Cents.

Unvermittelt wird es hell. Es gedankenblitzt: Verkaufen wir Cliffhanger doch als großen Wurf eines frischen Krimitalents und nicht als noch einen Roman von Tim Binding. Doch wurde das Whowrotit schnell gelöst. Bereits wenige Tage nach der Buchpremiere erhellte die britische Tageszeitung The Guardian das ominöse Dunkel.

Aber – schon stoße ich bei meinen Untersuchungen auf ein weiteres Puzzleteil.      

Ich entdecke Cliffhanger: The Other Text, erhältlich ausschließlich als eBook zum Download für 10 Britische Pfund. Wieder versucht Al seine Audrey loszuwerden. Wieder klappt es nicht. Das Ende der Story allerdings ist ein anderes.

Mögen Sie mal … auf die Taste mit dem Pfeil nach unten … danke.

„Wie ja die meisten guten Einfälle im Verlagswesen, kam uns die Idee zu Clifhanger: The Other Text bei einem ausgedehnten gemeinsamen Mittagessen“, erinnert sich Nicholas Blake, Herausgeber bei Picador und dort Coach von Tim Binding. Beim Pudding angelangt, begann man über die Veränderungen zu sprechen, die Cliffhanger erlebt hatte.

Tim Binding, Jahrgang 1947, lebt mit seiner Frau und seiner Tochter im englischen Kent.Denn als Binding seinem Lektor das ursprüngliche Manuskript auf den Verlagstisch legte, war der nicht ungeteilt hingerissen. Er fand Cliffhanger zu melodramatisch und zu unglaubhaft. Also machte sich der tapfere Tim an die Überarbeitung. Er änderte das Finale, konzentrierte sich stärker auf das Opfer, entsorgte eine lesbische Sexszene, taufte einige Personen um.

Spätestens mit dem Kaffee kam dann die Eingebung: Warum nicht diesen Urtext, diesen Entwurf, veröffentlichen? Keine Ahnung, wie viele Aperitifs, begleitende Whiskeys und abschließende Cocktails da als hochprozentige Inspiratoren dienten. Vielleicht war auch die Rechnung so hoch, dass Blake erschüttert eine zusätzliche Einnahmequelle benötigte.

„Wäre der Entwurf wirklich ausgesprochen fürchterlich gewesen, was er nicht war, hätte ich das nie erlaubt“, erklärt Tim Binding in einem Interview, das er Alison Flood vom Guardian gab. „Es ist einfach ein bisschen wie auf einer DVD, wo man, als Extra, geschnittene Szenen anschauen kann“, findet er. Der gravierende Unterschied ist nur, dass man dafür nicht zusätzlich 10 Pfund Sterling zahlen muss, finde ich.

Oh. Nun verharren wir schon geraume Zeit da, wo wir eingestiegen sind. Hab ich doch glatt vergessen weiterzuliften. Ich muss gestehen, für diese Art von Elevator Review bin ich nicht der geeignete Kandidat.

Freut mich aber sehr, dass Sie bis zum Ende mitgefahren sind. Hoffentlich haben Sie keinen wichtigen Termin verpasst.


T.J. Middleton, Cliffhanger, 2008, Hardcover, 304 Seiten, 218 x 144 mm, Picador, Macmillan Publishers Ltd, New York, 17.99 Euro, deutsche Ausgabe: Tim Binding, Cliffhanger, 2008, Hardcover, 350 Seiten, 208 x 134 mm, mareverlag GmbH & Co. oHG, Hamburg, 19,90 Euro, Audiobook: Tim Binding, Cliffhanger, 2009, 5 CDs, 142 x 126 mm, Goya LiT, JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH, Hamburg, 24.95 Euro.
Harald Helmut Weiss, Jahrgang 1954, lebt als Autor und Regisseur in Schifferstadt. Bereits für seinen Erstling, den Kurzfilm Bisher war der einzelne auf sich gestellt ... erhielt er 1977 den Preis der Interfilmjury der Mannheimer Filmwoche. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Medienhauses Galteor Kommunikation. Er engagierte sich beim Start des Privatfernsehens und -hörfunks und war Mitbegründer des Kulturkanals K3. In Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen berichtet er seit 1975 kontinuierlich über Medientrends. Lange Jahre betreute er die TV-Magazine Im Foyer und Viewfinder, die er auch moderierte. Er ist Medienpreisträger des Bezirksverband Pfalz.