Ein Fall für Schnüffelnasen
Ein Fahrgast vergisst in Als Taxi eine Sporttasche voll reizender Unterwäsche, BH und Höschen quellen geradezu heraus. Nachbarin Gaynor wird nachts an einem Strick Gassi geführt. Und die alte Alice Blackstock schwelgt in ihrer wilden Vergangenheit. Da war sie Groupie von Led Zeppelin. Sie ist ausdauernd zugedröhnt und schafft es, selbst Gemüsekroketten berauschend zu würzen.
Nun hindert Kiffen nicht unbedingt daran, scharf zu beobachten. Al nennt die gute Alice ehrfürchtig-bissig Mrs. Schnüffelnase. Und natürlich hat Mrs. Schnüffelnase mitgekriegt, wie unser Ich-Erzähler seiner Frau nachschlich.
Der Brite Tim Binding erzählt dieses Verwirrspiel unter schrägen Vögeln genüsslich. Sprecher Dietmar Mues macht diesen Genuss lebendig. Seine markante Stimme triumphiert, wenn Al stupst: „Weg war sie. Einfach so … Bloß ein einziger Schubser und die ganze Welt hatte sich verändert.“ Er erlebt für uns Als Staunen, seine Erschütterung, seine Verzagtheit, seine Genugtuung, seine Tiefs, seine Hochs. Er raunzt, er sinniert, er schnoddert, erstarrt, amüsiert sich. Ich lausche wenige Minuten, dann ist Dietmar Mues Al Greenwood (Sprachregie: Jennifer Ihns und Jonas Engelke, Aufnahme: WunderWelt Studio, Hamburg).
Kurz kommt mir der Gedanke: Cliffhanger ist wirklich die ideale Vorlage für einen Film. Doch eigentlich habe ich den ja bereits gesehen. Starring: Dietmar Mues. Die wandlungsfähige Stimme des Schauspielers, immer pointiert, niemals übertrieben, ist komplettes Ensemble und Ausstatter eines mitreißenden Kopfkinos.
Der Fahrstuhl stoppt. Zuschend gleitet die Metalltür auf. Ausgepitcht. Sie zögern? Beeindruckt? Nachdenklich?
Ach, hab‘ ich eigentlich erwähnt …. Als ich mich im Netz über die englische Originalausgabe von Bindings Cliffhanger schlaumachen will, finde ich erst mal – nichts. Auch ganz schön mysteriös, was?
Neugierig? Na, dann auf ins Parterre.
Im Oktober 2008 veröffentlichte der britische Verlag Picador den Roman Cliffhanger als Hardcover. Offiziell der Erstling des Autors T.J. Middleton. Oh. Andere Klippe? Anderer Hänger? Doch die Inhaltsangabe auf der Website des Verlags beweist: Dieselbe Story, anderer Schreiber.
Nun, dieses Rätsel zumindest lässt sich durch ein wenig Internetschnüffelei locker lösen. T.J. Middleton ist alles andere als ein Debütant. Und er ist nicht mal T.J. Middleton – er ist Tim Binding, der hier unter einem Pseudonym eigentlich seinen sechsten Roman verfasst hat.
Tim Binding, geboren 1947 in Deutschland, arbeitete lange im Verlagsbusiness, etwa als Lektor bei Penguin Books und auch bei Picador, bevor er Mitte der 1990er begann, selbst zu schriftstellern.
Etwa Henry Seefahrer (Anthem, 2003) – Henry verliert als Kind seine Mutter im Londoner Nebel, wird Straßenmusikant, gerät in die Militärkapelle der Royal Marines und in die Wirren des Falklandkriegs. Die deutsche Ausgabe erschien im Hamburger mareverlag (608 Seiten, 24,90 €, übersetzt von Rudolf Hermstein).
Oder Silvie und die verlorenen Stimmen (Sylvie And The Songman, 2008), die schrullig-fantastische Geschichte über einen Erfinder seltsamer Musikinstrumente. Der Herr der Lieder entführt ihn und ist auch hinter dessen Tochter Sylvie her (Knaur, 320 Seiten, Übersetzung: Birgit Moosmüller, 14,95 €).
Die Leser sind mal wieder ausgesprochen uneins. Während manche ihn gleich mit Charles Dickens vergleichen, ihm großen Einfallsreichtum und „herausragende Schreibkunst“ bescheinigen, meinen andere, dass Bindings Stil „das Herz, die Leidenschaft, das Feuer“ fehlen, finden ihn „nervtötend“, „enttäuschend“, "unheimlich öde".
Ich drück schon mal den Knopf, ja?
